
Die Dronte - Raphus cucullatus
aus
Auf Noahs spuren von Herbert Wendt
|
Mit dem
Namen Raphus cucullatus können Naturfreunde der älteren
Generation nicht viel anfangen. Seine Übersetzung lautet "kuckucksähnlicher
Nahtvogel". Das Tier aber, das damit bezeichnet wird, ist weder
kuckucksähnlich, noch besitzt er Nähte. Irgendein stubenhockerischer
Schreibtischgelehrter des siebzehnten Jahrhunderts hat das Wortungetüm
ausgeheckt. Später fand der alte Linné eine viel treffendere
Bezeichnung für den Vogel; aber da nach dem unglückseligen
Prioritätsgesetz die Wissenschaft verpflichtet ist, die erste Namengebung
als verbindlich zu akzeptieren, wurde in unseren Tagen wieder aus dem
"albernen Dodo" ein "Kuckuck mit Nähten". Dieser Vogel ist die Dronte, der Dodo von Mauritius. Und die Insel Mauritius hat ihren Namen von jenem Grafen Moritz, in dessen Auftrag der Admiral van Neck sie für Holland in Besitz nahm. Sie hieß nicht immer so. In den Jahren 1505 bis 1507, als die Portugiesen gerade den Seeweg nach Indien entdeckt hatten, trieben sich mehrere portugiesische Schiffe in den Gewässern von Madagaskar herum und fahndeten nach Stützpunkten für die neue Route. Der Kapitän Pedro Mascarenhas fand gleich drei solcher Stützpunkte: schöne fruchtbare Inseln östlich von Madagaskar, insgesamt über fünftausend Quadratkilometer groß und nur von harmlosen Tieren, hauptsächlich von fetten truthahnartigen Vögeln, bewohnt. "Maskarenen" nannte der Kapitän, um sich zu verewigen, die ganze Inselgruppe; Ilha de Cerné taufte er die größte, Mascarenhas die zweitgrößte und Rodriguez die dritte Insel. Heute heißen die drei Maskarenen-Inseln in der gleichen Reihenfolge Mauritius, Réunion und Rodriguez. Und jede, so wissen wir, besaß ihren speziellen Dodo. Als erster wurde der Dodo von Mauritius, die eigentliche Dronte, bekannt. Admiral van Neck sah nämlich mit leisem Schmunzeln, daß sein Freund und Kollege, der Admiral Pieter Willem Verhoeven, von einem der dicke Vögel, die dort in großen Scharen brüteten, gewaltig hart gebissen wurde, und fand es amüsant, ein so rauhbeiniges Geschöpf lebend nach Holland zu überführen. Im Juli 1599 traf daraufhin der erste Dodo in Europa ein, sechs Jahre darauf ein zweiter, den Kaiser Rudolf II. von Hapsburg für seine Menagerie erwarb. Beide Exemplare hielten sich ausgezeichnet in Gefangenschaft. Und nicht nur das: Sie wurden schnell die beleibtesten Objekte der holländischen und deutschen Tiermaler.
Diese Beliebtheit ist verständlich, wenn man sich vorstellt, wie die Dronte ausgesehen hat. Sie war größer als ein Truthahn, rund wie ein prall gefüllter Sack, besaß einen gewaltigen Hakenschnabel und sehr kurze Beine, trug auf dem Kopf eine Art Kapuze und auf dem Schwanz eine lustige weiße Pleureuse, sie brütete auf dem Boden wie ein Pinguin, konnte nicht fliegen und war auf der Flucht so unbeholfen, daß sie mit dem dicken Bauch den Boden berührte. Allein achtmal malte sie der berühmte Schüler Jan Breughels, Roeland Savery. Sie erschien auf Radierungen, auf religiösen Gemälden, auf Hauswappen; Kaiser Rudolfs Leibmaler Jacob Hoefnagel hielt sie in Öl für die Wiener Hofbibliothek fest. Und der Naturhistoriker Pieter Pauw und Carolus Clusius sammelte alle Fakten über das Tier, bezeichnete es als ein Mittelding zwischen Strauß, Schwan und Geier und bestätigte van Necks Beschreibung, in der es hieß: Sie sind größer als Schwäne, haben dicke, nur halb mit Fell bedeckte Köpfe, so als trügen sie eine Haube, und an Stelle der Schwingen lediglich ein paar schwarze Federn. Wir nannten sie Ekelvögel, weil ihr Fleisch bei längerem Kochen immer ungenießbarer wird. Diesen letzteren Eindruck hatte anscheinend die Schiffsbesatzungen, die sich auf Mauritius zu verproviantieren pflegten, ganz und gar nicht. Wie immer, wenn der Europäer eine einsame Insel betritt, so schildert der Paläontologe Othenio Abel das Schicksal der Dronte, so verfielen auch hier die ursprünglichen Bewohner dem Aussterben. Zunächst war es nur der Unverstand der ersten Entdecker, später das Bedürfnis der Seefahrer nach frischer Fleischnahrung, dann der manchen Menschen innewohnende Blutdurst, schließlich die Gewinnsucht der Raritätensammler, die die Vernichtung dieser Inselvögel herbeiführten. Nicht nur der Mensch selbst hatte unter den Dronten gründlich aufgeräumt, auch das von Menschen eingeführte Vieh. Die Hunde und Schweine der Ansiedler fraßen die Dodo-Gelege, Ratten von den Liegeplätzen der Schiffe töteten die Jungen. Hundert Jahre nach ihrer Entdeckung gab es keine einzige Dronte mehr auf Mauritius. In dieser Zeit starb auch der Dodo auf der Nachbarinsel Réunion aus den gleichen Gründen aus. Dieser Didus borbonicus (heute heißt er Raphus apterornis) wurde gleichfalls gefangen, gemalt und von insgesamt fünf Naturforschern beschrieben. Er war im Gegensatz zum schwärzlich Dodo von Mauritius gelblichweißmit schwarzen Flügelspitzen. Bilder von solchen "weißen Dronten" gehören zu den größten naturhistorischen Raritäten, Knochenreste kennt man nicht. Ein Beschreiber des weißen Dodo, der Holländer Bontekoe, hat uns wenigstens die eine Angabe hinterlassen, daß der Vogel vor lauter Fett kaum habe laufen können. Und das wird auch wohl der Grund für seine Ausrottung gewesen sein. Ein schöner Schreck fuhr den Wissenschaftlern in die Glieder, als die Nachricht vom Verschwinden der beiden Dodo-Arten bekannt wurde. Denn man besaß außer den rund 125 Gemälden und Radierungen nur eine einzige ausgestopfte Dronte und sonst nichts. Doch der Schreck währte nicht lange. In den Jahren 1691 bis 1693 fahndete ein französischer Kolonist, François Leguat, auf den drei Inseln nach Dodo-Resten vergeblich, was Mauritius und Réunion betraf, aber erfolgreich, was das kleine Eiland Rodriguez anbelangte. Der merkwürdigste Vogel dieser Insel, schreibt er in seinem Bericht, ist der Einsiedler oder Solitär, der so heißt, weil man ihn selten in Gesellschaft, sondern meist allein findet, obwohl er häufig vorkommt. Das Männchen ist grau und braun, fast metergroß und wiegt bis zu 45 Pfund, es hat Füße wie ein Truthahn und ebenso einen ähnlichen Schnabel, wenn auch etwas stärker gekrümmt. Der Schwanz ist ganz verkümmert, die hintere Körpergegend abschüssig wie die Kruppe eines Pferdes. Der Vogel kann seine Flügel zum Flug nicht verwenden, wohl aber zum Kampfe, denn er besitzt dort einen Knochen von der Größe einer Musketenkugel, mit dem er den Gegner zu schlagen pflegt. Vom März bis zum September sind die Vögel fett und außerordentlich wohlschmeckend. Alles in allem auch dieser Vogel mußte ein Dodo sein. Außer Leguat hat kein Naturforscher den Solitär je gesehen; nicht einer ist nach Europa gebracht oder gar gemalt worden. Wann der Vogel ausstarb, wissen wir nicht vermutlich gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts. Dennoch ist gerade er heute noch relativ häufig in den Museen und wissenschaftlichen Sammlungen vertreten, denn spätere Grabungen auf Rodriguez haben eine ganze Anzahl von Einsiedlerknochen und auch einige vollständige Skelette ans Licht befördert. Es zeigte sich, daß der Solitär in vielen Punkten von den eigentlichen Dodos unterschieden war und demnach eine besondere Gattung darstellt. Sein Schnabel war kürzer und ähnelte dem eines Kasuars, er hatte einen längeren Hals und größere Beine, an seinen Flügeln befand sich auch jene knopfartige Knochenanschwellung von der Größe einer Musketenkugel, die schon Leguat aufgefallen war. Pezophaps solitarius wurde der Einsiedler genannt. Seine Magensteine, die man häufig am Strand von Rodriguez findet, benutzen die Siedler angeblich zum Messerschärfen. Nach Resten der Mauritiusdronte haben die Zoologen gleichfalls gesucht, sie haben aber nicht viel gefunden. Hätten sich die Maler im 17 Jahrhundert nicht für den Dodo interessiert, so fiele es uns heute schwer, das Tier zu rekonstruieren. Ein Kopf und ein einziger Fuß ist alles, was vom Dronten-Import zwischen 1599 und 1666 übriggeblieben ist. Kopf und Fuß stammten von einer 1638 in London zur Schau gestellten Dronte, die natürlich auch gemalt und von einem Sir Hamon Lestrange als großes Geflügel, größer als der größte Truthahn, auf der Unterseite wie ein junger Fasan gefärbt, auf den Rücken dunkler beschrieben wurde. Nach ihrem Tode erwarb sie der englische Gärtner und Privatsammler John Tradescant ließ sie ausstopfen und schaffte sie in sein Museum nach South Lambeth. Seine Sammlung wurde später vom Oxforder Museum übernommen. Und dort entdeckte der Aufsichtsrat im Januar 1775 die einzige erhalten gebliebene Dronte auf unserer Erde, ärgerte sich über den verstaubten, miserabel aussehenden Balg und faßte den Beschluß, ihn wegzuwerfen. Da der Kopf und der eine Fuß aber noch ganz manierlich wirkten, rettete der zuständige Kustos beides vor der Vernichtung. Hätte er das nicht getan, so besäßen wir außer einigen halbfossilen Skelettresten nichts mehr vom "albernen Dodo". Es war nicht ganz einfach für die Zoologen des 19 Jahrhunderts, an Hand dieser kümmerlichen Überbleibsel, der 125 Bilder und der dürftigen Beschreibungen aus der Zeit des Admirals van Neck festzustellen, was für ein Tier die Dronte eigentlich gewesen ist. Anfangs dachte man an einen kurzbeinigen Strauß. Der Erforscher des Solitärs, Leguat, hatte etwas von Riesenvögeln dahergeredet, die neben den Dodos auf den Maskarenen existieren sollten und sie als zweimetergroße Strauße beschrieben. Was er damit gemeint hat, ahnen wir nicht. Vielleicht hat Leguat etwas von Aepyornis gehört, vielleicht hat er irgendwelche Stelzvögel gesehen. Wie es auch sei der alte englische Vogelsystematiker Francis Willughby hatten schon Lebzeiten der Dronte das Stichwort "Strauß" aufgegriffen. "Strauß" hatte dann der erste Ordner der Natur, John Ray, geurteilt, "Strauß" hieß es bei Linné, "Strauß" sagte auch der Sekretär der Londoner Zoologischen Gesellschaft, Nicholas Aylward Vigors, und alle Welt stimmte ihm zu. Dann fiel um 1835 ein neues Stichwort. "Geier" behauptete der französische Zoologe Ducrotay de Blainville. Englands namhaftester Paläontologe, Richard Owen, untersuchte den Drontenkopf in Oxford und nickte. "Geier" erklärte auch er. Andere Forscher protestierten heftig und wiesen darauf hin, daß die Dronte ganz ohne Zweifel kein Raubvogel, sondern ein Pflanzenfresser gewesen sei. Sie stellten den Vogel zu den Hokkohühnern, zu den Kranichen, Schnepfen, Ibissen, Rallen, ja sogar zu den Pinguinen. Und nur langsam verschaffte sich ein Mann gehör, der um 1848 das dritte Stichwort in die Debatte warf das Stichwort "Taube". Hugh E. Strickkland hieß dieser Mann. Er war Ornithologe und Geologe in Oxford und hatte seine Hochzeitsreise eigens zu dem Zweck nach Holland unternommen, um in Den Haag das schönste und besterhaltene Drontengemälde, eines der acht Bilder von Roeland Savery, studieren zu können. Der Dodo, so fällte er nach gründlicher Prüfung der Angelegenheit sein Urteil, ist eine durch das insulare Leben flugunfähig gewordene Riesentaube, die, ähnlich wie viele fluglose Vögel auf Neuseeland, bereits in grauer Vorzeit eine Sonderentwicklung durchgemacht hat. Als lebendig gebliebene Reliquie aus der Vergangenheit hat sie sich dann auf den einsamen Maskarenen bis in die Epoche der großen Entdeckungsfahrten hinein gehalten. Daß die Isolierung dieser Urtauben auf den einzelnen Inseln schon sehr früh erfolgt sein muß, erkennt man an den augenfälligen Unterschieden zwischen der Mauritiusdronte, dem weißen Dodo und dem Solitär. Soweit Hugh Strickland. Seine Kollegen, die es mehr mit dem Strauß, dem Geier oder dem Pinguin hielten, schimpften gewaltig und meinten, man mache aus den zarten Tauben einen charakterlosen, irrationalen Haufen, wenn man ihnen die halbzentnerschwere Dronte beigeselle. Strickland erlebte seine Rehabilitierung nicht mehr. Als er am 13. September 1853 auf einem Eisenbahndamm mit geologischen Studien beschäftigt war, überhörte er das Herannahen des Zuges und wurde überfahren. Kurz darauf aber kamen die ersten Zahntauben aus Samoa nach England, plumpe kräftige Vögel mit dicken, hakenartigen Schnäbeln haargenau die Verbindungsglieder zwischen Taube und Dronte, deren Existenz Strickland vorausgeahnt hat. Seit dieser Zeit zählt die Dronte bis zum heutigen Tage zur Sippe der Tauben.
Quelle: Auf Noahs spuren von Herbert Wendt, Deutsche Buchgemeinschaft Berlin und Darmstadt, 1956 by G.Grote'sche Verlagsbuchhandlung, Hamm (Westf.). |
Copyright Dodohaus Berlin 2004