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Der ausgestorbene Vogel Dronte

Aus Natur und Leben

von Dr. Ludwig Staby - Globus Verlag 1912

Als der große portugiesische Seefahrer Vasco da Gama im Jahre 1497 zum erstenmal die Südspitze Afrikas umsegelt hatte, entdeckte er im Osten dieses Erdteils eine Insel, die reich bevölkert war von großen, seltsam gestalteten, schwanenartigen Vögeln, welche von den Matrosen nach den Beschwerden und Mühsalen der langen Seereise als hochwillkommene Beute angesehen und in Massen erschlagen und verzehrt wurden. Die Insel wurde wegen der großen Zahl dieser Tiere "Schwaneninsel" genannt.

Nach einigen Jahren wurden die Maskareneninseln entdeckt, eine Inselgruppe, die unter dem zwanzigsten Grad südlicher Breite und dem siebenfünfzigsten Grad östlicher Länge nicht sehr weit von der Ostküste der großen Insel Madagaskar entfernt liegt. Auch auf diesen Inseln wurden die sonderbaren Vögel gefunden; die Angaben über dieselben sind aber sonst bei den Teilnehmern der Reise Vasco de Gamas, als auch bei den der übrigen Berichtenden sehr ungenau und unsicher.

Die erste sichere Kunde von dem Vorhandensein der Vögel datiert erst aus dem Jahre 1598. In diesem Jahre rüsteten die Holländer unter der Führung von Jacob von Neck und Wybrand von Warwyk eine große Expedition nach den Molukken aus, die bis zum Jahre 1603 dauerte. Am 17. September 1598 langten die holländischen Schiffe, nachdem sie Afrika umsegelt hatten, bei Mauritius, einer Insel der Maskarenengruppe, an.

Die Matrosen fanden auf der Insel Tausende von großen Vögeln, die weder Flügel noch Schwanz hatten und mit einem ungeheuren Schnabel versehen waren; die Vögel waren etwas größer als Schwäne und von plumper, schwerfälliger Gestalt, sie konnten weder fliegen noch schwimmen, noch laufen, und bewegten sich nur langsam und unbehilflich vorwärts. Die Holländer schlugen große Mengen von ihnen mit Knüppeln tot; waren die Tiere doch so zahlreich auf der Insel, daß drei Matrosen an einem Nachmittag 150 dieser Vögel erbeuteten.

In den folgenden Jahren legten alle holländischen Ostindienfahrer regelmäßig bei Mauritius an und versorgten sich mit Mundvorrat durch Jagd auf diese Vögel, deren Fleisch entweder frisch gegessen oder eingesalzen wurde. Es hatte aber keinen guten Geschmack, und die Holländer nannten deshalb die Vögel Walghvogels d.h. Ekelvögel, weil sie einen ekelerregenden Geruch und Geschmack an sich hatten, der auch durch andauerndes Kochen nicht entfernt werden konnte. Die Franzosen nannten den Vogel ebenfalls, Oiseau de nausée woraus später durch unrichtige Schreibart Didus nazarenus oder der Nazarvogel geworden ist.

Der Vogel erhielt später den allgemeinen Namen Dronte oder Didu, und im Jahre 1605 gab Clusius die erste Abbildung desselben heraus, die er von einem des Zeichnens kundigen Seemanne einer jener Expeditionen erhalten hatte und aus der ersichtlich ist, daß bei der Dronte an Stelle der Flügel und des Schwanzes einige gekräuselte Federn standen. Eine dieser ähnlichen Abbildung lieferte einige Jahre später de Bry, und in der Folgezeit erwähnen alle Ostindienfahrer des Vogels, als eines höchst merkwürdigen seltsamen Tieres, unter andern im Jahre 1626 Herbert, der zuerst angab, daß das am Leib graue, am Kopf schwarze Gefieder einem feinen Flaum ähnlich sei, jedoch ist das von Herbert herrührende Bild der Dronte nicht besser und anschaulicher als die vorher erwähnten.

Die letzte Beschreibung der Dronte lieferte Jakob Bontius, der als Arzt von 1627 - 1658 in Batavia lebte und Notizen über den sonderbaren Vogel sammelte. Dieser Beschreibung nach war die Dronte etwas größer als ein Schwan, von dickem, plumpen Körperbau. Der bläulichweiße Schnabel war außerordentlich lang und stark; der Ober - wie der Unterkiefer an der Spitze hakenförmig gebogen; der Rachen sehr groß und weit; der große, häßliche Kopf von einer Hautfalte umgeben, was ihm ein eigenartiges Aussehen verlieh.

Der ganze Körper war mit Ausnahme der Flügel und des Bürzels, an denen etwas größere Federn sich befanden, mit kurzen flaumigen Federn bekleidet; die starken Läufe, sowie die vier Zehen, an denen starke schwarze Krallen saßen, mit harten schuppen bedeckt. Das Fleisch der Brust schildert Bontius im Gegensatz zu dem des übrigen Körpers als zart und wohlschmeckend; überhaupt war der Vogel so fleischreich, daß vier Dronten zu einer Mahlzeit für hundert Matrosen hingereicht haben sollen.

In Europa erregten begreiflicherweise die Schilderungen und Erzählungen der heimgekehrten Seefahrer von dem merkwürdigen Geschöpfe das größte Interesse, und als im Jahr 1627 oder 1628 die erste lebende Dronte nach Holland gebracht wurde, ward sie von aller Welt als ein Wundertier angestaunt. Der Maler Savery stellte sie auf einem großen Gemälde dar, das die Bezauberung der Tiere durch Opheus veranschaulicht. Das Bild Saverys befindet sich jetzt in der Galerie des Belvedere zu Wien; die abgebildete Dronte weicht von der Beschreibung des Bontius nicht wesentlich ab.

 

Im Jahre 1638 wurde eine lebende Dronte auch in England gezeigt, und es existieren aus dieser Zeit mehrere Abbildungen des Tieres, die alle untereinander ziemliche Ähnlichkeiten zeigen; die letzte derselben stammt von Leguat, der im Jahre 1691 die Dronte zahlreich auf der kleinen Insel Rodriguez vorfand, die in der Nähe der Makarenen liegt. Nach ihm hat niemand wieder eine lebende Dronte gesehen, und als im Jahre 1778 auf der Insel Mauritius Nachforschungen nach dem verschwundenen Vogel angestellt wurden, konnten sich die ältesten Bewohner nicht erinnern, jemals etwas von dem Vorhandensein dieses Vogels gehört zu haben; er was ausgerottet und verschwunden, selbst die eifrigsten Nachforschungen nach Überresten blieben lange Zeit ohne jeden erfolg. Erst im Jahre 1865 fand man in einem Sumpfe auf Mauritius ungeheure Mengen von Knochen, die als Dronte gehörig erkannt wurden. Diese höchst wertvollen Knochenreste wurden in London teils versteigert, teils dem britischen Museum übergeben, und nach ihnen wurde die Gattung des Vogels festgestellt. Ein vollständig erhaltener Schädel befindet sich zur Zeit im Ashmole-Museum zu Oxford, ein Fuß im britischen Museum zu London und Brustbein im Museum zu Paris; die beiden erstgenannten Stücke sind auf unserer Abbildung wiedergegeben.

Hiernach hatte der Kopf ein vollständig geierartiges Aussehen; wie ein Geier konnte die Dronte den Kopf in eine Hautfalte zurückziehen; dabei waren Hals und Kopf mit einem weichen grauen Flaum bekleidet, und der ungeheure Schnabel, der eine Höhe von 2½ Zoll bei einer Länge von 5½ Zoll hatte, war an der Spitze hakenförmig umgebogen. Wegen des Geierschnabels hat man die Dronte erst zu den Geiervögeln, dann zu den Hühnern, und nach der Entdeckung der auf den Samoainseln lebenden Zahntauben zu diesen gerechnet. Obgleich nun die Zahntaube ebenfalls einen hakig übergebogenen Schnabel besitzt wie die Dronte, hat man dieser Übereinstimmung doch wohl zu viel Gewicht beigelegt, und seitdem man die Überreste eines anderen ausgestorbenen Riesenvogels, des Dinornis, auf Neuseeland gefunden und den flügellosen Schnepfenstrauß oder Kiwi Australiens näher kennen gelernt hat, muß man die Dronte zu dieser Familie der Apterygier oder flügellosen Vögel zählen, und zwar kann man sie als ein Mittelglied zwischen dem Strauß und dem Kiwi auffassen.

Wir haben uns die Dronte also vorzustellen als einen häßlichen, plumpen Vogel von etwas über Schwanengröße mit dem eben beschriebenen geierartigen Kopf und Schnabel, mit weitem Rachen, den ganzen Körper mit grauen, flaumigen geschliffenen Federn bedeckt, die nur an den Flügeln und am Schwanze sich etwas verlängern und hier eine mehr gelbliche Farbe annehmen; der plumpe Körper ruhte auf starken, kurzen, vierzehigen, mit mächtigen Krallen bewaffneten Füßen, auf denen das Tier schwerfällig dahinwatschelte.

Sehr zu bedauern ist es, das dieser merkwürdige und interessante Vogel in dem kurzem Zeitraum von ungefähr hundert Jahren seit seinem Bekanntwerden ausgestorben resp. ausgerottet worden ist, wofür die Gründe allerdings ziemlich klar zu Tage liegen, wenn man bedenkt, daß der große, auffallende, zum Fliegen, Schwimmen und schnellen Laufen durchaus unfähige Vogel, der überdies nur auf einigen kleinen Inseln vorkam, von den Matrosen der anlegenden Schiffe mit Leichtigkeit gefangen und erschlagen werden konnte.

Die hilflosen Dronten konnten, da es ihnen auch an Schlupfwinkeln auf diesen Inseln mangelte, unmöglich den zahllosen Nachstellungen der Seeleute entgehen, die nach der langen Seefahrt auf frisches Fleisch besonders erpicht waren und auf den Vogel in rücksichtsloser Weise Jagd machten, trotzdem sein Fleisch nicht gerade besonders wohlschmeckend war. So wurde die Dronte in kurzer Zeit vollständig von der Erde vertilgt; die Ankunft des ersten Menschen auf ihrer Heimatinsel war für sie der Beginn eines schnellen Unterganges. Die Dronte ist eines der wenigen Tiere, die bis jetzt durch das Vordringen des Menschen und seiner Kultur völlig ausgerottet worden sind, ein Schicksal, das in der Folgezeit leider wohl noch manche andere Tierarten treffen wird.

Quelle: Aus Natur und Leben von Dr. Ludwig Staby, Berlin Globus Verlag G.m.b.H. 1912

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