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"Tot wie die Dronte" — man wird sie nie wieder zu Gesicht bekommen

Ein paar Skelette in Museen, einige "Porträts" holländischer Maler und Karikaturisten und die englische Redensart "dead as the Dodo" sind alles, was noch an die einst auf den Maskarenen vorkommenden Vögel erinnert, die von den Europäern gleichfalls schon vor Jahrhunderten ausgerottet wurden.

Die traurige Geschichte der Dronten

1506 oder 1507 entdeckte der Portugiese Pedro Mascarehnas im Indischen Ozean eine Inselgruppe, die später seinen Namen erhielt. Die Maskarenen stellten einen geeigneten Umschlagplatz auf dem Weg nach Indien dar und wurden sehr bald von Scharen von Abenteurern heimgesucht wie von Heuschreckenschwärmen. Hier machten Schiffsbesatzungen, um ihr Proviant aufzufüllen, in den Wäldern des Archipels Jagd auf alles, was lebte. Zuerst landeten alle Riesenschildkröten in den Mägen hungriger Matrosen. (Allein von der Insel Rodriguez wurden in weniger als anderthalb Jahren einmal 30,000 Riesenschildkröten ausgeführt.)

Danach kamen die Dronten an die Reihe.

Die Portugiesen nannten sie "Dodo" (d.h. Einfaltspinsel, Trottel) und die Holländer, die nach ihnen auf die Insel kamen, "Dronten". Immer wieder waren diese phantastischen Vögel, die fett und plump aussahen wie gemästete Kapaune und wie Tölpel wirkten, Zielscheibe ihres Spottes. Die schutzlosen Tiere watschelten schwerfällig hin und her, schwangen hilflos ihre armseligen Flügelstümpfe und versuchten vergeblich, sich vor den Menschen durch Flucht in Sicherheit zu bringen. Die Laderäume der Schiffe füllten sich mit lebenden und toten Dronten. Holländische Siedler führten Hausschweine, Katzen und Makaken auf den Maskarenen ein, und diese Tiere waren nicht weniger eifrig als die Menschen, wenn es darum ging, Eier und Jungtiere der Dronten zu vernichten. Mit vereinten Kräften hatten sie es dann auch gegen Ende des 18. Jahrhunderts geschafft: Die Dronten waren ausgerottet. Ein paar Skelette in Museen, einige "Porträts" holländischer Maler und Karikaturisten und die englische Redensart "dead as the Dodo" sind alles, was noch an die einst auf den Maskarenen vorkommenden Vögel erinnert.

Die Zoologen konnten von den Dronten nicht viel in Erfahrung bringen. Diese massigen, fetten, plumpen Vögel — etwas größer als Truthähne — wogen achtzehn bis zwanzig Kilogramm und waren vermutlich entartete Tauben. Denkahlen Kopf der Dronte zierte ein kräftiger hakenförmiger Schnabel, und anstelle des Schwanzes und der Flügel besaß sie abstehende kleine Federbüschel.

Auf den drei Inseln des Maskarenen-Archipels — Mauritius, La Réunion und Rodriguez — lebten vermutlich drei verschiedene Drontenarten. Die Mauritius-Dronte — der dunkle Dodo — hat den Zoologen ein wertvolles Erbe hinterlassen: mehrere Knochen, einen Fuß, einen Schnabel (oder zwei Füße und zwei Schnäbel?), nicht mitgerechnet Dutzende von Zeichnungen und Bildern, auf denen sie mehr oder weniger meisterhaft dargestellt wird. Im Jahre 1599 brachte Admiral van Neck die erste lebende Dronte nach Europa. In der Heimat des Admirals, in Holland, erregte der Vogel großes Aufsehen, und man konnte ihn nicht genug bestaunen. Von besonderem Interesse für Künstler war sein geradezu groteskes Aussehen. Pieter-Holstein, Hufnagel, Franz Franke und viele andere berühmte Maler widmeten sich der "Drontenmalerei". Wie es heißt, wurde die gefangene Dronte zu dieser Zeit mehr als vierzehnmal "porträtiert". Das zweite lebende Exemplar kam ein halbes Jahrhundert später, nämlich 1638, nach Europa. Dem Vogel oder besser gesagt dem ausgestopften Tier widerfuhr so mancherlei. Zunächst wurde die lebende Dronte nach London gebracht und jedem gezeigt, der einen Obolus zu entrichten bereit war. Als der Vogel starb, wurde er mit Stroh ausgestopft und gelangte später aus einer Privatsammlung in ein Oxforder Museum, wo er ein ganzes Jahrhundert lang in einer staubigen Ecke zubrachte. Im Winter des Jahres 1755 begann der Kustos mit einer Generalinventarisierung der Exponate. Lange und verständnislos betrachte er den von Motten zerfressenen Balg dieses surrealistischen Vogels mit der unsinnigen Bezeichnung "Ark" (Arche?) und ordnete an, ihn in den Müll zu werfen.

Glücklicherweise kam jemand des Wegs, der sich besser auskannte. Erstaunt ob des unerwarteten Glücks zog er aus dem Müll den hakennäsigen Kopf der Dronte und ihren plumpen Fuß hervor — mehr war von ihr nicht übriggeblieben — und eilte mit seinem wertvollen Fund zu einem Antiquitätenhändler. Kopf und Fuß wurden später, diesmal mit allen Ehren, wieder ins Museum aufgenommen. Dies sein die einzigen Überreste, die von dem einzigen Balg dieser drachenartigen "Taube" erhalten sind, schreibt Willy Ley, ein Kenner der traurigen Geschichte der Dronten. Doch Dr. James Grinway aus Cambridge vertritt in seiner ausgezeichneten Monographie über ausgestorbene Vögel die Ansicht, daß im Britischen Museum noch ein Bein und in Kopenhagen noch ein Kopf aufbewahrt werden, die ohne Zweifel dem von der Insel Mauritius lebend eingeführten Dodo gehörten.

Die letzte Dronte wurde auf Mauritius im Jahre 1681 gesehen. Hundert Jahre später hatten die Bewohner der Insel bereits vergessen, daß die Wälder ihrer Heimat einst von solchen schwergewichtigen Kapaunen bewohnt wurden. Als Ende des 18. Jahrhunderts Naturforscher auf den Spuren der Dronte nach Mauritius kamen, antwortete man auf ihre Fragen stets nur mit einem ungläubigen Kopfschütteln.

"Nein, Sir, solche Vögel hat es bei uns nie gegeben," sagten Hirten und Bauern.

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Enttäuscht mußten die Forscher unverrichteterdinge heimkehren. Doch J. Clark, der den Überlieferungen keinen Glauben schenkte, setzte die Suche nach den vergessenen Kapaunen unverdrossen fort. Er kroch zwischen Bergen und in Sümpfen umher, grub Erdreich um, wühlte in Staubhalden an Flußböschungen und in Schluchten. Beharrlichkeit führt zum Ziel, wie man so sagt. In einem Sumpf stieß Clark auf die kräftigen Knochen eines großen Vogels. Richard Owen unterzog sie einer eingehenden Untersuchung und wies nach, daß sie von Dronten stammten. Er bestätigte auch, was vor ihn der deutsche Reinhardt festgestellt hatte: Bei den Dronten handelte es sich ohne Zweifel um Verwandte der Tauben. (Einige Forscher behaupteten übrigens, daß sie nicht mit Tauben, sondern mit Rallen verwandt seien.)

Ende des vergangenen Jahrhunderts ordnete die Regierung der Insel Mauritius an, gründlichere Ausgrabungen in dem von Clark entdeckten Sumpf vorzunehmen. Viele Drontenknochen und sogar mehrere vollständige Skelette kamen dabei zutage. In einigen Museen der Welt gehören sie jetzt zu den wertvollsten Exponaten.

Die benachbarte Insel La Réunion wurde durch die weißen Dronten berühmt, die ihre dunklen Schwestern um mehr als ein halbes Jahrhundert überlebten. Die letzte weiße Dronte wurde vermutlich im Jahre 1750 getötet.

Die Dronten von La Réunion unterschieden sich nur wenig von denen der Insel Mauritius, doch sahen sie viel heller, fast weiß aus. Weil sie einen großen Teil ihres Lebens in Einsamkeit verbrachten, nannte man sie Einsiedler-Dronten.

"Einsiedler" wurden auch jene Dronten genannt, die — wie einige Forscher meinen — einer anderen Art, ja sogar einer anderen Gattung angehörten und einst auf der kleinen Rodriguez Insel lebten. Ihre Flügel (oder richtiger: das Rudiment von Flügeln) waren länger als die der anderen Dronten. An ihren Spitzen baumelten seltsame runde Knochengebilde, je eines an jedem Flügel, herab, die die Größe einer Musketenkugel hatten. Mit diesen "Kugeln" konnten die Dronten einander wie mit Schlagringen bekämpfen und sich zum Beispiel auch vor Hunden schützen. Zudem konnten die gefiederten Einsiedler kräftig beißen, besaßen sie doch große hakenförmige und scharfe Schnäbel. Ganz wehrlos waren sie also nicht. Furchterregend, wie ein Raubtier sahen sie aus, gar nicht wie Pflanzenfresser. Doch ernährten sie sich nur von Blättern, Früchten und Baumsamen.

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Nichtsdestoweniger erlangten sie auch in der Astronomie Berühmtheit. Nach den Dronten von Rodriguez wurde ein Sternbild benannt. In Juni des Jahres 1761 verbrachte der französische Astronom Pingré einige Zeit auf dieser Insel, um das seltene Ereignis eines Venusdurchgangs vor der Sonne zu beobachten. Fünf Jahre später gab sein Kollege Le Monier zur Erinnerung an den Aufenthalt seines Freundes auf der Rodriguez Insel und zu Ehren des auf dieser Insel beheimateten Vogels der von ihm zwischen dem Sternbild der Schlange und dem des Skorpions entdeckten neuen Sterngruppe den Namen "Einsiedler". Da er das Sternbild nach altem Brauch mit einem Symbol auf der Karte eintragen wollte, zog er die damals in Frankreich populäre Brissonsche "Ornithologia" zu Rate. Er konnte nicht wissen, daß Brisson die Dronten gar nicht in sein Werk aufgenommen hatte, und so zeichnete er, als er einen Vogel namens Solitarius (Einsiedler) darin fand, im guten Glauben jenes Tier ab: Anstelle eines imposanten Dodo wurde das neue Sternbild auf der Sternenkarte nun durch die nicht sonderlich bemerkenswerte Blaumerle Monicola solitarius symbolisiert, die in Südeuropa und in verschiedenen Gegenden der Sowjetunion (Russland) heute noch vorkommt. Die Dronten waren also auch in dieser Hinsicht vom Pech verfolgt.

Außer den genannten drei Dronten beschrieben die Forschungsreisenden und Naturforscher der Vergangenheit weitere Arten. Doch die Zoologen sind heute nach langem Hin und Her zu dem Schluß gekommen, daß diese Dronten lediglich Ergebnisse von Mißverständnissen sind. Sie haben in Wirklichkeit niemals existiert.

So gab der französische Seefahrer François Leguat, der Ende des 17. Jahrhunderts die Maskarenen besuchte, der Welt Kunde vom "Solitaire" (Einsiedler) der Rodriguez-Insel und von einer mysteriösen Risendronte. Diese sei, so behauptete Leguat, sechs Fuß groß und habe ein rosafarbenes Gefieder! Wie man heute meint, hat Leguat ganz gewöhnliche Flamingos, die heute auch nicht mehr auf diesen Inseln leben, für Risendronten gehalten.

Zwei weitere Pseudododos verdanken ihre Existenz dem Umstand, daß die verschiedenen Namen, mit denen niederländische Einwanderer die Dronten bezeichneten, falsch übersetzt wurden.

Die letzte Dronte wurde Ende des 18. Jahrhunderts auf Rodriguez getötet. Das aufgeklärte 19. Jahrhundert hat keiner dieser "unwahrscheinlichen" Vögel mehr erlebt.

Quelle: Vom Aussterben bedroht, Igor Akimuschkin, VEB F.A. Brockhaus Verlag Leipzig, Verlag Progress Moskau, 1981

Copyright Dodohaus Berlin 2004