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Der Löwe und der Vogel Dodo
Aus "Vom Blumenlager der Prinzessin Tschandrawati"
Indische Volkserzählung aus Mauritius
Herausgegeben von Prahlad Ramscharan
1979
Verlag Philipp Reclam jun. Leipzig

 

Es war einmal vor langer, langer Zeit. Damals lebte kein Mensch auf dieser Insel. Es gab nur Dschungel und nochmals Dschungel. Darin lebten die verschiedensten Vögel und Tiere und andere Lebewesen. Die Tiere und die Vögel beschützte eine Waldgöttin. Sie bewachte die Insel.
Zu jener Zeit gab es noch keine Raubtiere im Wald. Da war zwar ein alter Löwe, aber der hatte sich in ein Vegetarier verwandelt. Alle hielten ihn für ihren König. Unter den Tieren gab es auch Hasen, die sehr groß wurden. Sie kletterten sogar auf die Bäume. Von den Hirschen gab es viele Arten. Sie hatten sehr lange Geweihe.


Der seltsamste Vogel im Wald war der Dodo. Der Vogel Dodo hatte einen sehr großen Körper, seine Flügel aber waren nur klein. Seinen Körper bedeckten braune Federn. Sein Schnabel war breit und leicht gekrümmt. Seine Füße waren kurz und mit Häuten bedeckt. Wegen seines Gewichts konnte er nicht wie andere Vögel fliegen, deshalb wurde er Dodo genannt, was soviel wie "Gold" bedeutet.


Alle Vögel und Tiere lebten äußerst friedlich zusammen. Sie fürchteten nichts und niemanden. Eines Tages landeten einige Seeleute auf der Insel. Sie trugen Gewehre auf ihren Schultern, drangen in den Wald ein und machten Jagd auf die Vögel und die Tiere. Im ganzen Wald breiteten sich Angst und Schrecken aus. Die Tiere rannten um ihr Leben.


Der arme Dodo-Vogel aber konnte nicht schnell laufen. Er war ein Vogel mit schwerem Körper. Die Seeleute hielten den Vogel Dodo für faul. Sie stürzten sich auf ihn und jagten sehr viele Dodo-Vögel, die sie dann auf ihr Schiff schleppten.
Die Dodo-Vögel , die sich gerettet hatten, beweinten unter lautem Wehklagen ihre verlorenen Gefährten. Sie beschwerten sich bei der Waldgöttin. Die Waldgöttin berief die Versammlung der Tiere ein. Alle Tiere setzten sich auf ihren Platz und begannen nachzudenken.


Der Führer der Dodo-Vögel sprach: " Wegen der mordlustigen Seeleute ist das Leben für uns sehr schwer geworden. Ihr müßt uns beschützen. Darum bitten wir euch sehr."
Die Waldgöttin hatte Mitleid mit der Lage der Dodo-Vögel. Sie sagte:" Habt deswegen keine Sorgen! Ich werde mich darum kümmern, daß man euch beschützt."


Die Waldgöttin sah auf den Thron des Löwen und verwunderte sich sehr. Der Sitz des Löwen war leer. Er war einfach nicht zur Versammlung gekommen. Die Waldgöttin schickte einen Boten, der den Löwen holen sollte.
Einige Zeit später betrat der Löwe zusammen mit dem Boten die Versammlung und setzte sich auf seinen Platz. Er bat die Waldgöttin um Verzeihung, daß er sich verspätet hatte.


Die Waldgöttin sprach zu dem Löwen: "Du bist nicht nur der König der Tiere, sondern der König des Sganzen Waldes. Zeit deines Lebens darf kein Tier in Angst und Schrecken leben. Heute hat die Dodo-Vögel ein großes Unglück betroffen. Du mußt sie beschützen".
Der Löwe konnte das Anliegen zurückweisen. Demütig antwortete er: "Ich verspreche Ihnen, daß den Dodo-Vögeln von heute an voller Schutz gewährt werden wird."


Als die Vögel und Tiere das Versprechen des Löwen hörten, waren sie sehr froh. Die Waldgöttin erinnerte den Löwen nochmals an sein Versprechen: "Denke an dein Versprechen! An dem Tage, wo du dein Versprechen brichst, wirst du hart bestraft werden."
Danach war die Versammlung beendet. Alle Tiere gingen nach Hause. Seitdem liefen die Dodo-Vögel wie alle anderen Vögel und Tiere wieder sorglos umher. Sie hatten keine Furcht mehr. Sie standen unter dem Schutz der Waldgöttin, und der Löwe schützte sie mit seinem Leben.
Auf diese Weise vergingen einige Jahre. Der Löwe war inzwischen sehr alt geworden. Alle seine Zähne fielen aus, der Glanz in seinen Augen erlosch, sein Körper wurde schwach. Er machte sich Sorgen, wie er die Tiere schützen sollte.


Der Löwe saß er auf der Spitze eines Berges. Er spähte in die Richtung, aus der gewöhnlich die Seeleute zu kommen pflegten. Es war schwer für ihn geworden, sich zu bewegen und umherzulaufen. Deshalb blich er immer auf derselben Stelle sitzen und flehte zu Gott: "O Gott! Laß keinen Seemann auf die Insel kommen, solange ich noch lebe! Ich kann ihm nicht entgegentreten."
Zu jener Zeit bediente ein Affe den Löwen. Er reichte ihm die Speisen. Der Löwe zählte die Tage bis zu seinem Tode. Er dachte nicht mehr an die anderen Tiere.


Da kam eine zweite Gruppe von Seeleuten auf die Insel. Sie trugen Gewehre und machten Jagd auf die Tiere. Als die Vögel und die Tiere den Knall der Gewehre hörten, stoben sie auseinander. Was wollte aber der arme Dodo-Vogel tun? Er konnte sein Leben nicht retten. Die Seeleute töteten alle Dodo-Vögel und kehrten auf ihr Schiff zurück.
Als die Seeleute fort waren, suchten die Tiere und Vögel des Waldes einander. Sie waren sehr erstaunt, als sie trotz allen Suchen nicht einen einzigen Dodo-Vogel ausfindig machen konnten. Sie waren sehr traurig über den Tod dieser Vögel und riefen nach der Waldgöttin. Als die Waldgöttin ihren kummervollen Ruf hörte, erschien sie sofort vor ihnen.


Sie berief wieder die Versammlung der Tiere ein. Alle Tiere kamen zu der Versammlung, aber von dem Löwen war nichts zu sehen. Die Waldgöttin schickte einen Boten, um den Löwen zu holen. Der Löwe lag in den letzten Zügen. Er machte sich nun um nichts mehr Sorgen. Er wußte nicht einmal, daß die Seeleute wieder dagewesen waren. So hörte er auch nicht auf die Worte des Boten und sagte: "Ich kann mich nicht mehr bewegen. Wie soll ich da zur Versammlung kommen? Sag der Göttin, daß ich nicht zur Versammlung kommen kann, weil ich sehr krank bin."


Als die Waldgöttin die Worte des Boten vernahm, wurde sie zornig. Sie dachte, daß der Löwe nur deshalb nicht zur Versammlung kommen wollte, weil er sein Versprechen nicht gehalten hatte. Sie fragte die Tiere: "Der Löwe hat sein Versprechen nicht gehalten. Welche Strafe soll er bekommen?"
Der Hase sprach: "Der Löwe soll die Todesstrafe bekommen."


Der Hahn sagte: "Ich unterstütze den Vorschlag des Hasen. Der Löwe soll die Todesstrafe bekommen."
Da erwiderte die Waldgöttin: " Der Löwe hat sein Versprechen gebrochen. Er soll die Todesstrafe bekommen."


Inzwischen kam der Affe angerannt. Er fing laut zu weinen an. Als die Waldgöttin ihn fragte, antwortete er: " Der Löwe ist schon viele Jahre mein Freund. Seit einiger Zeit ist er krank. Ich habe mich um sein Essen und alles andere gekümmert. Heute hat er die Welt verlassen. Nun habe ich keinen Freund mehr."
Die Waldgöttin sagte: "Nun geht! Der Löwe hat seine Strafe erhalten. Auf der Stelle, wo er gestorben ist, soll eine Statue stehen, damit er immer auf das Meer hinausspähen kann."


Die Vögel und die Tiere waren mit dem Urteil der Waldgöttin zufrieden und gingen nach Hause.

Im Süden der Insel kann man auch heute noch die steinerne Figur des Löwenkönigs sehen.

2014